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Inhalt: Alte Kirche Kirchenneubau Grundsteinlegung Äußeres Inneres Besonderheiten Die Kirche heute Erntedankfest Die Pretzschendorfer Kirche gibt es als Bastelbogen auf unserer Weihnachtsbergseite. |
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Die alte Pretzschendorfer Kirche stand in der Mitte des Friedhofes. Ihre Grundmauern sind heute noch im Erdreich vorhanden.
Diese alte Kirche wurde zu klein. Bereits um 1690 dachte man daran, eine neue Kirche zu errichten. Ein Neubau der Kirche musste jedoch lange hinausgeschoben werden. Die verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges waren noch nicht überwunden. Die Pest hatte 1680 in den drei zur Kirchgemeinde gehörenden Dörfern Pretzschendorf, Röthenbach und Friedersdorf 200 Menschen dahingerafft.
Schlechte Ernten und Teuerung trugen dazu bei, dass die Gemeinde sich nur langsam erholen konnte. So wurde der Wunsch nach einer neuen, größeren und helleren Kirche weitergegeben an Kinder und Enkel. Es vergingen Jahrzehnte.
Im Winter 1731 wird es gewesen sein, als wieder einmal über die Enge und Dunkelheit der Kirche gesprochen wurde. Und wieder hieß es: Wir sind zu arm! Wir schaffen’s nicht! Da habe sich einer zu Wort gemeldet und gesagt: Wenn wir es wieder so machen wie unsere Großväter, wenn wir den Bau einer neuen Kirche auf die Enkel abschieben, dann wird es wohl nie werden. Wie wäre es denn, wenn wir im Vertrauen auf Gottes Hilfe einfach anfingen? Und wenn jeder zupackt, dann müsste es doch möglich sein, dass wir uns eine neue Kirche bauen.
Dieser Vorschlag fand Zustimmung. Die gesamte Gemeinde wurde aufgerufen zur Hilfe und Mitarbeit. Und viele waren dazu bereit. Auch die wurden mitgerissen, „welche vielleicht nicht aus böser Meinung, sondern aus Furchtsamkeit und wegen der unüberwindlich anscheinenden Schwierigkeiten“ (Chronik von Pretzschendorf) gegen diesen Bau gestimmt hatten.
Da man eine Kirche bauen wollte, die nicht wieder zu klein werden sollte, musste ein tiefes Fundament gegraben werden. Bei den Ausschachtungsarbeiten stieß man aber sehr schnell auf festes Gestein. Damit hatte man nicht gerechnet. Dieser feste Grund war eine große Erleichterung für die weitere Arbeit. Und für die Gemeinde war es eine Freude zu wissen: unsere neue Kirche steht auf Felsengrund.
Am 5. Mai 1732 konnte der Grundstein gelegt werden. Mit großem Eifer wurde die Arbeit begonnen. In dem Bericht über den Kirchenbau, der 1734 in den Turmknopf gelegt worden ist, weist Pfarrer Gütner hin auf die vielen Helfer, die unermüdlich dazu beigetragen haben, dass die Arbeit nicht ins Stocken kam. Er erwähnte auch, „dass diejenigen, die im Anfange sich noch am schwierigsten dazu bezeiget, hernach die vornehmsten Beförderer dieses Kirchenbaues geworden, und dazu nach allem Vermögen Rat und Tat gegeben haben.“
Erstaunlich war auch die Bereitschaft, durch finanzielle Opfer den Bau einer so großen Kirche zu ermöglichen. Pfarrer Gütner schreibt in dem bereits genannten Bericht darüber: „Doch war dieses noch lange nicht zulänglich, das vorhabende Werk auszuführen, sondern die gutwilligen Gaben und Geschenke, zu welchen Gott die herzen ganz wunderbarerweise lenkte, mussten der Sache noch den besten Ausschlag geben. Denn nicht nur die hochadligen Herren Collatores, sondern auch alle und jeder in der ganzen Kirchfahrt freiwillig und ungezwungen zu diesem Kirchbau solche Verehrung getan, als man sich’s vorher kaum vermutet hätte. Auch junge und ledige Leute männlichen und weiblichen Geschlechts samt vielen Dienstboten ließen sich vom Geist Gottes regieren und brachten dazu ihre Gaben nach ihrem Vermögen. Auch von fremden und entlegenen Orten dazu ist erbeten oder ungebeten gespendet und geschenkt worden, nicht weniger was auch durch freiwillige Sammlungen bei Verlöbnissen, Hochzeiten, Kindtaufen und sonsten reichlich zusammen gebracht worden ist. Also dass man in der Wahrheit sagen und behaupten kann, dass der ganze neue Kirchen- und Turmbau, so mit Kanzel und Altar über 6000 Thaler kostet, größtenteils durch freiwillige Gaben, Geschenke und Almosen, dazu Gott die Herzen regiert hat, zustande gekommen ist.“
Dank dieser erstaunlichen Unterstützung des Unternehmens durch die Gemeinde wurde es möglich, den Bau der Kirche und der unteren 4 Stockwerke des Turmes in anderthalb Jahren – in den zwei Sommern 1731/32 – zu vollenden.
Eine derart kurze Bauzeit war für die damaligen Verhältnisse eine enorme Leistung. Es musste ja alles mit der Hand gemacht werden. Ein Beispiel für diese Handarbeit ist das auch heute noch jeden Fachmann beeindruckende Dachgebälk. Die Balken wurden mit der Hand behauen. Sie sind ohne einen einzigen eisernen Nagel ineinandergefügt worden.
Im Jahre 1734 wurde die alte Kirche abgebrochen. Die Reste der Grundmauern sind noch heute im Erdreich vorhanden. In besonders trockenen Jahren sind sie vom Balkon des Kirchturmes aus an den vertrockneten Rasenstreifen zu erkennen.
Mit den Steinen, Brettern und Balken der alten Kirche wurde der Turm vom 4. Stockwerk an weitergebaut. Auf einigen dieser Bretter und Balken sind heute noch alte verschnörkelte Ornamente – Fachleute sprechen vom Motiv des „rollenden Hundes“ – zu erkennen. Auch von außen ist am Turm ablesbar, von welcher Höhe an 1734 weitergebaut worden ist. Die Eckquader aus Sandstein sind in der unteren Hälfte des Turmes unregelmäßig in ihrer Länge und Breite. Im oberen Teil des Turmes dagegen sehen wir nur regelmäßig behauene Ecksteine.
Der Ausbau in halber Höhe des Turmes ist 1933 für den Posaunenchor geschaffen worden. Von dort aus wird in jeder Silvesternacht geblasen, bevor die Glocken das neue Jahr einläuten.
Weithin sichtbar erhebt sich über der Zwiebel des Turmes der im Jahre 1999 zum siebten Mal vergoldete Turmknopf. Im Inneren dieses 80 mal 90 Zentimeter großen ovalen Knopfes befinden sich drei verlötete Kupferkassetten mit den sogenannten „Turmknopfnachrichten“. Diese handgeschriebenen Berichte bringen eine Fülle von Mitteilungen aus der Geschichte der Kirchgemeinde.
Über dem Turmknopf dreht sich in einer Höhe von fast 50 Metern die Wetterfahne aus dem Jahre 1816 mit der vergoldeten Jahreszahl 1734.
Über die Kosten des gesamten Kirchenbaus in den Jahren 1732/33 gibt die Chronik Auskunft. Die Ausgaben beliefen sich auf „6.843 Thaler 15 Groschen 9 Pfennige“. Dies ist eine erstaunlich niedrige Summe der Ausgaben für den Bau einer so großen Kirche! In der Chronik heißt es dazu: „Es ist zu verwundern, mit welch geringem Geldbetrag der große Bau bewältigt worden ist.“
Es ist auch viel Material für den Kirchenbau geschenkt worden. Das gilt vor allem für die Steine und das Zimmerholz. Allein aus Röthenbach wurden 54 Stämme Zimmerholz unentgeltlich zur Verfügung gestellt! Ein weiterer Grund für die überraschend niedrige Endsumme der Ausgaben ist die große Zahl der freiwillig geleisteten Arbeitsstunden, für die kein Lohn verlangt wurde.
Viele Besucher, die das Innere der Pretzschendorfer Kirche betreten, wundern sich über die Höhe dieses Bauwerkes. Mit 1.127 nummerierten Sitzplätzen im Schiff und auf den drei Emporen kann dieses Gotteshaus als eine der größten sächsischen Dorfkirchen bezeichnet werden. Dass noch sehr viel mehr Menschen in dieser Kirche Platz finden, zeigte sich zum 200. Jubiläum der Kirche im Jahre 1933. Auch als in den Jahren 1947 und 1948 der Dresdner Kreuzchor hier gesungen hat, sind zu diesen beiden Veranstaltungen jeweils etwa 1 800 Besucher gekommen.
In hellen Farben ausgemalt - Weiß und Grün und Gelb und Gold - wirkt das Innere der Kirche heiter und freundlich. Von jedem Platz aus hat man eine gute Sicht zum Altar und zur Kanzel.
Die Bänke des Kirchenschiffes waren erst um 1900 giftgrün übermalt worden. Bei den Erneuerungsarbeiten 1933 wurde diese Farbschicht wieder beseitigt. Das Gestühl, die Emporen und die Decke des Kirchenraumes wurden nach der alten barocken Farbgebung wiederhergestellt.
Bei diesen Arbeiten kamen an den vorderen Bänken alte Ornamente zum Vorschein. Kunstmaler Helas bezeichnet gerade diese Ornamente auf den drei Seiten des Altarplatzes als besonders wertvoll. Er äußerte die Vermutung, dass sie von dem sächsischen Hof- und Jagdmaler Bucäus stammen könnten. Auch Taufstein, Altar und Kanzel waren bei einer früheren Renovierung übermalt worden. Der Taufstein konnte 1934 renoviert werden. Die Übermalung in braunen und schwarzen Farbtönen wurde auch hier beseitigt. Nur an wenigen Stellen wurde der Sandstein vergoldet.
Der Kanzelaltar von dem während des Baues dieser Kirche hier wirkenden Pfarrer M. Johann Gabriel Gütner – sein Bild ist an der Wand rechts hinter dem Altar zu sehen – gestiftet worden; eine Inschrift in lateinischer Sprache an der Rückseite des Altars weist darauf hin. Dieser Kanzleraltar wurde 1984 in seiner helleren barocken Farbgestaltung wiederhergestellt.
Die Orgel – es ist die dritte Pretzschendorfer Orgel – ist im Jahre 1906, dem damaligen Ideal einer Konzertorgel entsprechend, von der Dresdner Firma Gebrüder Jehmlich gebaut worden. Auf zwei Manualen und dem Pedal können 1.637 Pfeifen zum Klingen gebracht werden. Im Jahre 1941 konnte durch den Einbau von fünf neuen Registern eine Klangverbesserung erreicht werden. Sehr gelitten hat die Orgel durch eindringende Nässe und Verschmutzung in den Jahren vor 1966. Wie hier geholfen werden kann, wird unterschiedlich beurteilt.
Die beiden bunten Glasfenster rechts und links vom Altar, das Weihnachtsbild und das Osterbild, sind im Jahre 1915 von Professor Ludwig Otto, Dresden, im Jugendstil gestaltet worden.
Interessant sind die beiden Beichtstühle unter den bunten Glasfenstern. Es gibt nur wenige Beispiele dafür, dass auch in evangelischen Kirchen einst Beichtstühle eingebaut worden sind.
Links neben der Orgel hängt ein altes Kruzifix. Das lateinische Wort „crucifixus“ bedeutet „ans Kreuz geheftet“. Wie die sogenannte Feuerglocke in der Laterne des Kirchturmes stammt auch dieses Kruzifix noch aus der alten Kirche. Der unbekannte Künstler hat es meisterhaft verstanden, die Züge des Leidens auf dem Gesicht des Gekreuzigten darzustellen. Eine Besonderheit dieses Kunstwerkes ist es, dass die Haare nicht aus Holz geschnitzt sind. Sie wurden als Haarperücke aufgesetzt. Auch im Freiberger Dom gibt es drei Beispiele für eine derartige Gestaltung des Haares.
Die beiden Kesselpauken an der Brüstung der Orgelempore stammen aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges. Sie werden gern benutzt zu besonderen Höhepunkten des Gemeindelebens. So erklingen sie alljährlich zum Erntedankfest bei dem Choral „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen“ zusammen mit der Orgel und den Instrumenten des Posaunenchores.
Die beiden ehemaligen Rittergutsstuben in der ersten Empore – der Kanzel gegenüber – erinnern an die beiden Rittergüter Oberpretzschendorf und Niederpretzschendorf. 1736 waren diese beiden Güter vereinigt worden, 1877 wurden sie vom Ritterguts-Konsortium übernommen. Die beiden Doppelwappen über den Rittergutsstuben weisen auf die beim Bau der Kirche hier wohnenden Familien hin. Es handelt sich – von links nach rechts – um die Wappen der Familien Vitzthum v. Eckstädt und v. Forstern (Niederpretzschendorf), v. Poigk und v. Kannewurf (Oberpretzschendorf).
Ein besonderer Höhepunkt in jedem Jahr ist die Feier des Erntedankfestes. Viele Gemeindemitglieder schmücken mit Blumenkränzen die Emporen und mit Früchten aus Feld und Garten sind der Taufstein und der Altar reich dekoriert. Die Kirche füllt sich wie zu Weihnachten bis zur obersten Empore.
Quelle: Festschrift „250 Jahre Kirche zu Pretzschendorf“